Die Märchen

Die Märchen der Gebrüder Grimm


Last but not least soll hier auch noch auf die Bedeutung unserer Märchen hingewiesen werden. Die Märchen der Gebrüder Grimm als Hausmärchen für Kinder abends zum Einschlafen? Mit Hexen, Teufeln und bösen Stiefmüttern? Nun, für Kinder waren diese niemals gedacht. Auch wurden sie von den Gebrüdern Grimm nicht selbst geschrieben sondern nur gesammelt und manchmal auch etwas umgearbeitet und gekürzt. Aber wer waren nun die Autoren der Märchen und zu welchem Zweck wurden diese verfasst?

Die genannten Märchen sind Geschichten von Priestern und Heilern, Erzählungen unserer Vorfahren, der keltischen Druiden. Diese beinhalten in symbolischer Sprache Teile eines hohen Wissens. Richtig entschlüsselt, vermögen auch sie wichtige Antworten auf ungelöste Fragen unserer heutigen Zeit zu geben.

Der Autor Eugen Drewermann, Theologe und Therapeut, hat eine Vielzahl der Märchen der Gebrüder Grimm tiefenpsychologisch gedeutet und in diversen Büchern veröffentlicht. Eugen Drewermann, 1940 geboren, war Priester und Dozent in Paderborn, bis er wegen seiner grundlegenden Kirchenkritik in Auseinandersetzung mit der katholischen Amtskirche geriet. Seitdem ist er als Therapeut und Buchautor tätig.

    “Oft schon habe ich Menschen zugehört, die ihr Leben von früher Jugend an als ein Aschenputteldasein empfanden. Ihnen sei diese Märchenauslegung gewidmet, denn sie vor allem haben mir geholfen, die Bedeutung und den Sinn der GRIMMschen Erzählung zu verstehen”, so der Autor zu Beginn seiner Deutung des Aschenputtel-Märchens, erschienen im DTV Verlag, München, 4. Auflage Oktober 2008, ISBN 978-3-423-35163-8.

Aschenputtel

Wie “funktionieren” die genannten Märchen? Nun, sie erzählen von vielen verschiedenen Elementen wie Taubenhäusern, Schuhen, Bäumen, Haselnusszweigen etc. (siehe Aschenputtel-Märchen). Jedes dieser Elemente hat seine eigene tiefenpsychologische Bedeutung. Anhand dieser Bedeutung kann die eigentliche Geschichte, die eigentliche Aussage des Märchens, rekonstruiert werden. Der Kern des Aschenputtel-Märchens ist eine Frau, die sozusagen vor sich selbst davonläuft. Welche ein Leben lebt, welches sie eigentlich nicht ist. Unbedingt gehört hierzu auch die Verleumdung dessen dazu – wäre es ihm [dem Aschenputtel] bewusst, entwickelte es sich vielleicht zu einem “Hänsel” oder “Gretel”, doch nie zu einem “Aschenputtel”, so Drewermann. Und doch ist die Aschenputtel-Interpretation vom Ergebnis her anders, als man vielleicht zunächst vermuten würde: Für das Aschenputtel ergibt sich schließlich nämlich eine eigentümliche Umkehrung all seiner unmittelbaren Interessen und Gefühle. Ein Prozess, den man als “die Verabsolution des Mangels” bezeichnen könnte. Der Mangel (materiell und emotional), den das Aschenputtel in seinem Leben spürt und den es sich aber nicht selbst eingesteht, wird aufgrund seiner Unüberwindbarkeit nun zum Ideal erkoren.

    Drewermann hierzu: “Die Stiefschwestern können nicht ahnen, dass sie “Aschenputtel” ein unsichtbares Ehrenkleid umhängen, wenn sie ihm “seine schönen Kleider” wegnehmen, und dass sie sein Selbstwertgefühl gerade stabilisieren, indem sie “die stolze Prinzessin” in ihre “Küchenmagd” zu verwandeln zu suchen.”

Welche Auswirkungen hat das auf ihr Leben? Auf die Wahl ihres Lebenspartners? Rettungsdienstfahrer berichten davon, dass sie beispielsweise zum dritten Mal dieselbe junge, hübsche Frau abholen, welche von ihrem Mann krankenhausreif geschlagen wurde. Auf die Frage hin, warum sie diesen nun nicht einfach verlassen würde, antwortet sie: “Gerade eben dadurch, dass er mich schlägt, beweist er ja gerade eben seine Liebe zu mir”. Für manche vielleicht unvorstellbar, jedoch in Wirklichkeit zutreffend. Auch hier ist wieder die Verabsolution des Mangels, diesmal in extremer Form, ersichtlich sowie das sich nicht selbst Eingestehens der Situation. Aus ihrer Sicht wird sie also gerade den für sie unpassendsten Partner als ideal empfinden.

Was wäre aber, falls sie dem für sie passenden Partner über dem Weg laufen würde? Sie würde in riesige Bedrängnisse kommen, ihr Lebensbild würde ins Wanken geraten. Extreme Unsicherheiten würden sich einstellen. Das Aschenputtel würde also wie im Märchen vor dem “richtigen Partner” Reißaus nehmen. Und eben gerade wie im Märchen beschrieben ins alte, aber zumindest bekannte Umfeld zurückkehren. Der “richtige Partner”, im Märchen immer als “Märchenprinz” oder “Königssohn” bezeichnet, hätte also nicht die geringste Chance, würde er nicht die “Königstochter” in seinem “Aschenputtel” erblicken, weiterhin nicht von ihr loslassen und den Kontakt zu ihr suchen. Wohlgemerkt wohl wissend, wie sie sein Verhalten wohl interpretieren werden würde: als Anbiedern, Penetranz, Peinlichkeit, Insensibilität etc.

Würde der “Märchenprinz” dies nicht tun, so wäre die Geschichte an dieser Stelle zu Ende, so Eugen Drewermann. Wie unser Prinz es doch noch schafftfalls er es jemals schaffen sollte – hierauf soll an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden. Jeder kennt wohl das Märchen des Aschenputtels und kann selbst mal darüber nachdenken oder das besagte Buch Drewermanns lesen.

Ein anderer Aspekt ist an dieser Stelle noch sehr wichtig anzumerken: es mag auch durchaus sein, dass nicht nur ein Märchen von den daran beteiligten Personen “durchlebt” wird. Es können auch mehrere sein, so dass sich eine Art “dreidimensionales Bild” daraus ergeben kann.

Schneewittchen

Durchlebt eine Frau beispielsweise das Märchen des Schneewittchens, so beschreibt Drewermann die daraus resultierende Prägung des jungen Mädchens durch die Mutter oder einer anderen nahestehenden Person, die sich im Märchen verwandelt und zur “bösen Stiefmutter” wird. Aufgrund der psychischen Dynamik des Geschehens ist für das Mädchen keine eigenständige Entwicklung möglich, es lebt sozusagen im Schatten der Mutter, aus dem es nicht heraustreten kann. Einzig bleibt ihm zum (Über-)leben ein kleiner Bereich, den das Märchen “als hinter den Sieben Bergen bei den Sieben Zwergen” beschreibt. Ein Leben also in einem Umfeld, in dem die Leute durchaus wohlwollend sind, aber auch ein Leben in einer Welt des Defizits und der Selbstverleumdung.

Die “eitle, böse Stiefmutter” will es aber nicht dabei belassen und stellt dem Mädchen weiterhin nach. Nach mehreren letztlich erfolglosen Versuchen holt sie nun zum entscheidenden Schlag aus: es folgt die “Verführung mit dem vergifteten roten Apfel”. Was versteht das Märchen darunter? Zum einen steht zu Beginn das Wort “Verführung”, d.h. das Mädchen muss dazu gebracht werden, letztlich doch freiwillig – wenn auch unwissend – “in den vergifteten roten Apfel” zu beißen, damit es im folgenden von seinen eigenen daraus resultierenden Schuldgefühlen gefangen gehalten werden kann. Als nächstes ist der Apfel zu erwähnen: er ist rot, vergiftet und wird vor dem Verzehr geteilt. Die sich dahinter verbergende Symbolik lässt sich leicht entschlüsseln: das Essen des roten Apfel steht für Intimität. Soweit wäre nun alles in bester Ordnung für das Schneewittchen, könnte man sich denken, wäre der Apfel nur nicht geteilt und vergiftet. Es handelt sich also um den falschen Apfel. Dies weist statt auf das erhoffte Glück auf die Trennung von einer geliebten Person hin und warnt vor falschen Einflüssen.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die “böse Stiefmutter” auf die Wahl des Partners des Schneewittchens entsprechend Einfluss nimmt – und zwar in einer manipulativen, negativen Art und Weise. Der noch zu erwähnende Aspekt der Vergiftung des Apfels deutet darauf hin, dass das Schneewittchen nach dem Verzehr des Apfels selbst nicht die Möglichkeit hat, diesen “wieder auszuspucken”, da sie eben gerade aufgrund der „Vergiftung“ bewegungsunfähig (tot) ist. Es mag aus dieser Symbolik noch einiges mehr herausgelesen werden können (was genau ist denn nun der vergiftete rote Apfelbissen, der in ihrem Halse steckt?), doch soll hier darauf nicht näher eingegangen werden.

Auch dieses Märchen hätte nun sein trauriges Ende (das Schneewittchen ist tot“), würde die Geschichte nicht eine eigenartige Wendung nehmen und vom Erscheinen einer rätselhaften Person berichten, die im Märchen typischerweise immer als “Märchenprinz” bezeichnet wird. Was ist der “Märchenprinz”? Vielleicht die Person, die im Schneewittchen und im Aschenputtel das sehen kann, was sie wirklich ist.

Alle wirkliche Liebe bringt nichts hervor, sie gestaltet das Leben einfach durch ihre Anwesenheit, “enzymatisch”, indem sie verstärkt, was schon ist.

Eugen Drewermann

Das ist die Gabe, aber auch sein Verhängnis – der märchentypische Kampf gegen den bösen Drachen kann beginnen. Warum Kampf? Entsprechend dem oben genannten Mechanismus der eigentümlichen Umkehrung all seiner unmittelbaren Interessen und Gefühle wird das Aschenputtel letztlich jede Handlung ihres “Märchenprinzen” als negativ betrachten. Ihr Umfeld würde ihr dies sogar noch bestätigen. Aber auch hier soll nicht näher auf den weiteren Verlauf der Geschichte eingegangen werden.

Das dreidimensionale Bild

Vielmehr soll an dieser Stelle die mögliche Verschachtelung der beiden Märchen aufgezeigt werden: das Leben hinter den Sieben Bergen bei den Sieben Zwergen des Schneewittchens beschreibt auch die materiellen Verhältnisse des Aschenputtels. Auch das Aschenputtel hat wie das Schneewittchen unter der “bösen Stiefmutter”, der wie verwandelten Mutter, zu leiden. Auch bei der Partnerwahl sind Parallelen zu finden: das Aschenputtel empfindet den für sie unpassendsten Partner als ideal, das Schneewittchen “beißt in den Apfel”. Und zwar in den für sie giftigen. Was aber letztlich zum gleichen Ergebnis führt. Durchlebt eine Frau nun beispielsweise die beiden genannten Märchen gleichzeitig, so würde der “Biss in den vergifteten Apfel” in Verbindung mit den genannten “Schuldgefühlen” umgehend auf die Ebene des Aschenputteldaseins übertragen werden, wo er schließlich über den besagten Mechanismus der “Verabsolution des Mangels” zum Kult erhoben werden würde. Der nun hinzugekommene Aschenputtel-Aspekt würde also das “Ausspucken des vergifteten Apfelbissens” nun sogar (fast) unmöglich machen: die Gefangene wäre zugleich ihr eigener Wärter.

Last but not Least sei noch angemerkt, dass Drewermann in seinen genannten Büchern der Interpretation der Märchen der Gebrüder Grimm auch oft exakt darauf hinweist, an welcher Stelle eine “normale” psychologische Behandlung immer aus welchen Gründen scheitern wird und auch scheitern muss. Interessanterweise weist Drewermann auch darauf hin, dass die entscheidende Kraft im Märchen oft die Liebe zwischen zwei Menschen ist. Vielleicht mag gerade dies die Erklärung für Siegmund Freuds Aussage sein, dass er selber mit seinen Analysen kaum jemanden helfen hat können, die einzige Ausnahme wäre wohl eine Familienangehörige gewesen, und da wohl nur deshalb, weil er diese wirklich geliebt habe. Das gesamte Geschehen erfassen können scheinbar nur die Märchen – unsere Psychologie ist somit der Versuch oder ein Mittel, das Wissen der wahrhaft Wissenden zumindest wieder erahnen zu können. Möge sich das Wissen der alten Meisterinnen und Meister wieder zeigen – so dass Märchen auch in Zukunft wieder mit dem Satz zu enden vermögen:

Und wenn sie nicht gestorben sind,
dann leben Sie noch heute!

Literaturtipps:

Eugen Drewermann: Hänsel und Gretel, Aschenputtel, Der Wolf und die sieben Geißlein, Grimms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet, DTV Verlag, München, 4. Auflage Oktober 2008, ISBN 978-3-423-35163-8.

Eugen Drewermann: Schneewittchen, Die zwei Brüder, Grimms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet, DTV Verlag, München, 2003, ISBN 978-3-42334020-5.

Linktipps:

Traumdeutung: die Bedeutung der Symbolik des Apfels unter www.traumdeuter.ch

Schneewittchen: das Märchen unter www.1000-maerchen.de

Aschenputtel: das Märchen unter www.1000-maerchen.de
 

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